Geschichten von Betroffenen
Die ist die Geschichte von spuren_im_sand
Weihnachten 2020-ein Tag wie kein anderer
Der 24. Dezember 2020 – ein Tag, der mir das Weihnachtsfest endgültig vermiesen und sich
unauslöschlich in mein Gedächtnis brennen würde. Doch das wusste ich an jenem Morgen noch nicht.
Draußen war es kalt, aber sonnig – einer dieser klaren Wintertage, die eigentlich Hoffnung tragen. Ich hatte beschlossen, abends einem Kollegen bzw. einer Kollegin eine Freude zu machen: Ich wollte den Nachtdienst im Flüchtlingslager übernehmen, damit er oder sie noch mit der Familie Weihnachten feiern konnte.
Es war eine kleine Geste, die mir selbstverständlich erschien. Ich wollte einfach helfen – so, wie ich es immer tat.
Tagsüber kochte ich Tee und backte Kekse – ein kleiner Versuch, dem Nachtdienst etwas Wärme zu geben. Ich wollte, dass wir wenigstens ein bisschen feiern konnten, auch wenn es nur mit Bechern und Papierservietten war.
Neben meiner üblichen Routine ging ich am Nachmittag eine Runde an der Donau spazieren. Das Wasser war ruhig, die Luft kalt, und für einen Moment fühlte sich alles friedlich an.
Gegen fünf Uhr begann ich mich fertigzumachen, um die Kollegen im Nachtdienst zu überraschen. Zehn Minuten später machte ich mich auf den Weg. Es war bereits dunkel, Lichterketten glitzerten in Fenstern, Autos rasten vorbei – und ich war unterwegs zum Lager, ahnungslos, dass dieser Weg
anders enden würde als gedacht. Ich konnte das Gebäude schon sehen, vielleicht noch zehn Minuten entfernt. Der Straßenabschnitt lag fast völlig im Dunkeln. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, doch im Grunde kam dort kaum jemand entlang.
Unkraut, Bäume und eine verwilderte Wiese säumten den Weg. Dahinter ragten verlassene Häuser und bröckelnde Mauern auf – still, grau, vergessen.
Eigentlich hatte ich nie Angst, diesen Weg zu gehen. Er gehörte zu meiner Routine.
Bis zu diesem Augenblick.
Ich hörte Schritte hinter mir, dachte mir nichts dabei. Doch plötzlich wurde alles anders. Hände
hielten mich fest, eine Waffe presste sich an meine Stirn. Ich war umzingelt, ohne Chance, mich zu wehren. In dieser Dunkelheit, zwischen Mauern und Gestrüpp, verlor ich für Momente jedes Gefühl von Sicherheit, Würde, Kontrolle. Zeitweise verlor ich das Bewusstsein und es fühlte sich an wie
Stunden ohne Ende. Immer wieder die Angst dass nicht zu überleben.
Was dann geschah, hat Spuren hinterlassen – auf meinem Körper, in meiner Seele und in meinem Vertrauen.
Irgendwann in der Nacht kam ich wieder zu mir. Meine Kleidung war zerknittert, schmutzig,
zerrissen – und genau so fühlte sich auch mein Inneres an.
Mir war kalt, ich zitterte und mir war übel. Ich versuchte, mich zu ordnen, einfach nur irgendwie nach Hause zu kommen. Wie ich das geschafft habe, weiß ich bis heute nicht.
Zu Hause stand ich lange unter der heißen Dusche, als wollte ich all das abwaschen, was passiert war. Doch nichts fühlte sich wirklich sauber an. Alles war wie in Nebel gehüllt, als wäre ich nicht mehr ganz ich selbst.
Die Tage danach liefen an mir vorbei wie in Zeitlupe. Ich funktionierte, aber innerlich war alles still. Ich konnte das Haus nicht verlassen, aß kaum noch und starrte oft einfach nur ins Leere.
Es war, als wäre da noch Leben in mir, aber ich konnte es nicht fühlen. Mein Körper schmerzte – egal, wie ich lag oder mich bewegte.
Mit der Zeit lernte ich zu verdrängen, zu vergessen, zu überleben. Doch jedes Jahr, wenn der 24.
Dezember näher rückt, spüre ich, wie die Erinnerungen wieder aufbrechen. Es ist der Tag, an dem mein Körper und meine Seele noch immer flüstern, was damals geschehen ist.